Der Taupunkt ist die Temperatur, bei der die Luftfeuchtigkeit in einem Raum an einer Oberfläche kondensiert. Er wird aus der aktuellen Raumtemperatur und der relativen Luftfeuchtigkeit berechnet. Liegt die Oberflächentemperatur einer Wand unter dem Taupunkt, bildet sich Kondenswasser — die Voraussetzung für Schimmelbildung. Die Taupunktberechnung nach DIN 4108-2 ist die bauphysikalische Grundlage für die objektive Bewertung von Schimmelursachen in Gebäuden.
Schimmel hat nichts mit Sauberkeit zu tun. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht angekommen ist. Schimmel ist ein Feuchtigkeitsproblem. Und Feuchtigkeit folgt den Gesetzen der Physik — nicht dem Putzplan.
1. Was ist der Taupunkt?
Luft kann Wasser aufnehmen — aber nicht unbegrenzt. Je wärmer die Luft, desto mehr Feuchtigkeit kann sie tragen. Wird die Luft abgekühlt, sinkt ihre Aufnahmekapazität. Der Punkt, an dem die Luft ihre maximal mögliche Feuchtigkeit erreicht und Wasser abgibt, heißt Taupunkt.
Ein Beispiel: Raumluft mit 20 °C und 60 % relativer Luftfeuchtigkeit hat einen Taupunkt von etwa 12 °C. Trifft diese Luft auf eine Oberfläche, die kälter als 12 °C ist — zum Beispiel eine schlecht gedämmte Außenwand im Winter — kondensiert Wasser an der Wand. Und genau dort wächst dann Schimmel.
2. Relative Luftfeuchtigkeit — die missverstandene Zahl
60 % Luftfeuchtigkeit klingt erst mal nach einem Wert. Aber 60 % bei 20 °C ist etwas völlig anderes als 60 % bei 10 °C. Die relative Luftfeuchtigkeit beschreibt, wie viel Prozent der maximal möglichen Feuchtigkeit die Luft aktuell enthält. Da warme Luft mehr Feuchtigkeit tragen kann, bedeuten 60 % bei 20 °C absolut mehr Wasser als 60 % bei 10 °C.
Deshalb ist Lüften im Winter effektiv: Kalte Außenluft hat auch bei 90 % relativer Feuchte weniger absolute Feuchtigkeit als warme Innenluft bei 60 %. Beim Lüften wird die feuchte Innenluft gegen trockenere Außenluft getauscht — auch wenn das Hygrometer draußen höhere Prozentwerte zeigt.
3. Warum Ecken und Außenwände besonders gefährdet sind
Wärme geht den Weg des geringsten Widerstands. An einer geraden Außenwand fließt sie gleichmäßig nach außen. In einer Ecke, wo zwei Außenwände aufeinandertreffen, wird die Wärme aus zwei Richtungen abgezogen. Die Folge: Die Ecke ist deutlich kälter als die flache Wand.
Bei einem typischen Altbau aus den 1960er-Jahren kann der Unterschied zwischen flacher Außenwand und Außenwandecke 4 °C betragen. Bei -5 °C Außentemperatur und 20 °C Raumtemperatur liegt die Wandoberfläche an der flachen Wand bei etwa 15 °C — in der Ecke aber nur bei 11 °C. Und wenn der Taupunkt bei 12 °C liegt, kondensiert es in der Ecke — aber nicht an der flachen Wand.
Das erklärt, warum Schimmel so oft in Ecken, hinter Möbeln an Außenwänden und im Bereich von Fensterlaibungen auftritt.
4. Wann Lüften hilft — und wann nicht
Stoßlüften ist der Standard-Tipp bei Schimmel. Und in vielen Fällen ist er richtig. Aber nicht immer.
Lüften hilft, wenn die absolute Feuchtigkeit der Außenluft niedriger ist als die der Innenluft. Das ist im Winter fast immer der Fall. Im Sommer, bei warmer und feuchter Außenluft, kann Lüften das Problem sogar verschlimmern — die feuchte Luft kommt herein und kondensiert an den kühleren Kellerwänden.
- Winter: Stoßlüften 3–4 mal täglich für 5–10 Minuten ist fast immer effektiv
- Übergangszeit: Auf die absolute Feuchtigkeit achten, nicht nur auf die relative
- Sommer/Keller: Lüften nur wenn Außenluft trockener als Innenluft — sonst Fenster zu
- Nach dem Duschen/Kochen: Sofort lüften, Tür zum Rest der Wohnung schließen
5. Was das für die Schimmelbewertung bedeutet
Eine seriöse Schimmelbewertung muss diese physikalischen Zusammenhänge berücksichtigen. Ein Foto allein zeigt den Schaden — aber nicht, ob Kondensation an dieser Stelle physikalisch plausibel ist.
Dafür braucht es Daten: Raumtemperatur, Luftfeuchtigkeit, Wandposition, Baualter, Dämmstandard. Daraus lässt sich berechnen, ob die Wandoberflächentemperatur unter den Taupunkt fällt — und damit, ob Kondensation und Schimmelbildung an dieser Stelle physikalisch erklärbar sind.
Diese Berechnung ist keine Kunst. Es ist Bauphysik nach DIN 4108. Und sie ist der objektive Ausgangspunkt für jede weitere Entscheidung — ob Sanierung, Verhaltensänderung oder Sachverständigengutachten.
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